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#1 2016-07-04 19:45:11

knut
Mitra
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Metta ist unverzichtbar - für Sangha, und für Bodhisattva-Anwärter

Am vergangenen Sonntag haben wir uns mit der Metta-Bhavana, der Entwicklung liebender Güte, beschäftigt. Im Grundskurs Buddhismus gibt es hierzu auch ein recht schönes Kapitel, das vor allen Dingen die praktischen Aspekte behandelt und einige konkrete Anregungen für die eigene Praxis gibt. Der folgende Textauszug, den wir zum Einstieg gelesen haben, ist jedoch aus "Ethisch leben", Sangharakshitas Kommentar zu Nagarjunas "Juwelenkette des Rats an einen König". Was ich persönlich an diesem Textausschnitt so wertvoll finde ist, dass er die Übung der Metta-Bhavana in einen weiteren Kontext stellt und dabei sowohl auf praktische Aspekte im Kontext der spirituellen Gemeinschaft eingeht, als auch auf den Bezug zum Bodhisattva-Pfad.

Die spirituelle Gemeinschaft ist dabei sowohl unser erstes Übungsfeld, auf dem wir in einem relativ geschützten Bereich lernen können Metta füreinander zu entwickeln und auszudrücken, als auch (wenn sie denn diesen Namen verdienen will) eine Quelle der Inspiration und der Fürsorge, die wir von den anderen Mitgliedern empfangen. Wenngleich jede reale Gemeinschaft immer auch Probleme und Konflikte mit sich bringen wird, so ist doch Sangha - um nicht zu sagen Gemeinschaft überhaupt - ganz ohne Metta schlichtweg nicht vorstellbar. Insofern kann uns die Praxis der Metta-Bhavana helfen, besser zu verstehen was Sangha eigentlich bedeutet; und umgekehrt hilft gelebter Sangha uns dabei, Metta zu entwickeln - nicht nur theoretisch oder abstrakt, in der privaten Welt unserer eigenen Gedanken, sondern ganz konkret und real durch die Begegnung und das Zusammensein mit Menschen, die auf einem ähnlichen Weg sind wie wir selbst.

Auf der anderen Seite kann der Bodhisattva als Idealbild eines Menschen, der zum Wohl aller Wesen nach Erleuchtung strebt (oder, wie Bhante es hier ausdrückt, als der "ideale Buddhist") sehr inspirierend wirken - vorausgesetzt, man fühlt sich durch die Vorstellung, selbstlos zum Wohl aller Wesen zu wirken nicht gänzlich überfordert. Vessantara schreibt zu den Vier Großen Gelübden des Bodhisattva: "Etwas Heroischeres hat keine menschliche Stimme je verlauten lassen." Auch wenn wir uns mit dieser Sichtweise eventuell nicht ganz identifizieren können, so bleibt doch festzuhalten, dass in den Lehren des Mahayana die Entwicklung von Metta untrennbar verbunden ist mit dem Bodhisattva-Pfad; und wir werden die volle Bedeutung von Metta im Kontext der buddhistischen Lehre kaum ermessen können, wenn wir uns nicht mit dieser Verköperung seiner Idealform beschäftigen.

Sangharakshita schrieb:

Selbst wenn man es schwierig findet, sich selbst zu lieben, muss man doch gewöhnlich zugeben, dass es irgendjemanden gibt, der einen liebt.
Dieses Gefühl, angenommen und geliebt zu sein, ist äußerst wichtig für uns Menschen. Manch eine soziale Gruppe übt mithilfe des menschlichen Grundbedürfnisses nach Zugehörigkeit Kontrolle aus. [...]

Auch im Sangha oder in der spirituellen Gemeinschaft müssen wir darauf achten, keinen Druck auf andere auszuüben, etwa indem wir sie nachteilig behandeln oder so über sie sprechen. Oft ist es die psychisch schwächere Person, auf der man herumhackt, und das kann leider sogar innerhalb der spirituellen Gemeinschaft passieren. Der Druck wird vielleicht nicht als solcher wahrgenommen, und die meisten Menschen wären bei dem Gedanken entsetzt, dass sie selbst auf jemandem herumhacken. Doch es geschieht nur zu leicht, dass wir einen Menschen sang- und klanglos aus dem Nest schubsen, der nicht besonders nützlich zu sein scheint, die Ressourcen der Gemeinschaft für sich beansprucht oder einfach irgendwie anders ist. Wenn gegenüber einem Mitglied der Gruppe die kollektive Missbilligung mobilisiert wird, kann das diesem Menschen sehr großen Schaden zufügen.

[...]

Die Herausforderung an uns besteht also darin, niemanden aus unserer Fürsorge auszuschließen und auch eine Person, die wir schwierig finden, nicht aufzugeben. Positiver ausgedrückt, müssen wir anderen Mitgliedern der Gemeinschaft, zumal jenen, die nicht so beliebt sind, alle Unterstützung und Ermutigung geben, die sie benötigen. Wann immer wir können, sollten wir unsere Wertschätzung und Dankbarkeit ausdrücken. Manche von uns empfinden so viel Selbsthass oder Selbstverachtung, dass es ihnen schwer fällt, Anerkennung überhaupt anzunehmen. Eine ganz wichtige Funktion der spirituellen Gemeinschaft ist es, einander wissen zu lassen, dass es Menschen gibt, die sich um uns sorgen. Dadurch wird es uns viel leichter fallen, unsere eigenen guten Qualitäten zu erkennen. Manche Menschen können sich selbst annehmen und lieben, ungeachtet, was andere über sie denken und fühlen, doch die meisten benötigen die Bestätigung durch andere.

Sangharakshita schrieb:

Das Bestreben, die Wesen zu erfreuen, ist im Buddhismus und besonders im Mahāyāna von zentraler Bedeutung. Die Menschen zu beglücken und positive Emotionen in ihnen zu wecken gehört zu den Hauptaktivitäten eines Bodhisattva. (Wie schon erwähnt, sind die Bodhisattvas im Mahāyāna die idealen Buddhisten.) „Beglücken“ heißt allerdings nicht, nur unterhaltsam zu sein. Alle Wesen zu beglücken hat nichts mit Leichtfertigkeit zu tun. Es geht darum, aufrichtige Freude in dem Sinn zu wecken, dass man den Menschen hilft, ihre tiefsten Ängste und Nöte zu überwinden und zur Wahrheit des Dharma zu erwachen.

Dies ist das Gegenteil davon, sich selbst mächtig fühlen zu wollen. Man versucht nicht, andere im Sinne der eigenen Absichten zu kontrollieren. Eher ist man wie die Regenwolke, die den Menschen gibt, was sie wünschen und benötigen, um wahrhaft glücklich zu sein. So wie die Regenwolke macht man sich auf und gibt sich hin. Wesentlich dabei ist, dass ein angehender Bodhisattva verpflichtet ist, voller Freude zu sein. Man kann andere nicht erfreuen, wenn man selbst nicht froh ist. Wenn Sie nicht nur theoretisch wünschen, dass andere glücklich sein mögen, sondern auch etwas tun wollen, um sie glücklich zu machen, dann müssen Sie selbst emotional positiv sein.

[...]

In einem buddhistischen Zentrum oder einer buddhistischen Gemeinschaft sollte eine glückliche, freundliche und friedliche Atmosphäre herrschen. Die wichtigsten Eigenschaften eines Bodhisattva und jedes Menschen, der selber andere lehrt oder anleitet, sind Inspiration und Mettā. Wenn Sie beispielsweise die sieben Erleuchtungsglieder nicht aufzählen können, ist das nicht weiter schlimm. Aber Sie können nicht ohne Inspiration und Mettā auskommen, und es muss gepflegt werden. Inspiration kann sich durch Feiern einer Pūjā und die Erfahrung spiritueller Freundschaft entwickeln. Mettā entfaltet sich durch Übung der mettā-bhāvanā.

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